Die Macht des Volkes: Die direkte Demokratie der Schweiz verstehen
Das politische System der Schweiz ist bekannt für seine direkte Demokratie, ein System, in dem die Bürger regelmässig selbst über Gesetze und politische Massnahmen abstimmen, anstatt alle Entscheidungen den gewählten Vertretern zu überlassen. Es klingt fast utopisch – ein politisches System, in dem das Volk die Macht hat, nicht die Politiker –, doch für die Schweizer ist es einfach eine Lebensweise.
Wenn Sie als Expat in der Schweiz leben, werden Sie schnell feststellen, dass Abstimmungen ein beliebter nationaler Zeitvertreib sind. Alle paar Monate finden Wahlen zu Themen statt, die von Steuern und Einwanderung bis hin zu Details wie der Frage reichen, ob Kühe ihre Hörner behalten dürfen.
In diesem Leitfaden erfahren Sie, wie die direkte Demokratie in der Schweiz funktioniert, wer wählen darf (und wer nicht) und was das für das gesellschaftliche Leben und für Ausländer bedeutet, die in der Schweiz leben.
Häufige Abstimmungen über grosse und kleine Themen
Im Gegensatz zu vielen Ländern, in denen landesweite Referenden selten sind, finden in der Schweiz etwa viermal pro Jahr nationale Abstimmungen zu einer Vielzahl von Themen statt. Diese „Volksabstimmungen“ können alles Mögliche betreffen, von wichtigen nationalen politischen Entscheidungen bis hin zu alltäglichen Fragen – in den letzten Jahren haben die Bürger über Steuerreformen, Einwanderungsbestimmungen, Ladenöffnungszeiten, Umweltgesetze und sogar über das Verbot des Baus neuer Minarette abgestimmt. Kein Thema ist zu gross oder zu klein, um einer direkten Volksabstimmung unterzogen zu werden.
An Schweizer Abstimmungssonntagen finden die Bürger möglicherweise mehrere Abstimmungsfragen gleichzeitig in ihrem Briefkasten oder im Wahllokal vor: einige auf Bundesebene (national), andere auf Kantonsebene (regional) oder auf Gemeindeebene. Das System der Referenden und Initiativen existiert auf allen Regierungsebenen – lokale Gemeinden und Kantone haben ihre eigenen direkten Abstimmungen über lokale Angelegenheiten, die ähnlichen Regeln wie die nationalen Abstimmungen folgen. Das bedeutet, dass die Schweizer Bevölkerung regelmässig nicht nur darüber entscheidet, wer sie vertritt, sondern auch, welche Gesetze in ihrer Gemeinde, ihrem Kanton und dem ganzen Land gelten sollen.
Ein weiterer auffälliger Aspekt für Neuankömmlinge ist, wie routinemässig und normal dieser Prozess im Schweizer Leben ist. Abstimmungen finden so häufig statt, dass die meisten Schweizer bis zum Erreichen des mittleren Alters bereits an Dutzenden von Referenden teilgenommen haben. Die Stimmabgabe ist nicht gesetzlich vorgeschrieben – es gibt keine Wahlpflicht –, dennoch ist die Wahlbeteiligung relativ hoch und liegt bei durchschnittlichen Themen in der Regel bei etwa 50 % der Wahlberechtigten. Bei besonders wichtigen Fragen kann die Beteiligung sprunghaft ansteigen: Die Rekordbeteiligung lag 1992 bei fast 79 % bei einer Volksabstimmung über den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum.
Dieser regelmässige Rhythmus der Abstimmungen fördert das bürgerschaftliche Engagement. Jeder weiss, dass die nächste Abstimmung immer kurz bevorsteht, sodass politische Fragen zu einem ständigen Thema der öffentlichen Debatte werden und nicht nur alle zehn Jahre einmal auftauchen. Wahlplakate prägen das Bild der Schweizer Städte das ganze Jahr über, kommunale Diskussionen und Debatten sind an der Tagesordnung, und die lokalen Medien berichten ausführlich über jeden Vorschlag. Das ist ein grosser Unterschied zu Ländern, in denen die Politik nur zur Wahlzeit in Bewegung kommt – in der Schweiz macht die direkte Demokratie politische Entscheidungen zu einer kontinuierlichen Angelegenheit der Bürger.
Referenden vs. Volksinitiativen: Zwei Wege zur Abstimmung
Es gibt zwei Hauptinstrumente der landesweiten direkten Demokratie: Referenden und Volksinitiativen. Beide führen zu einer Ja/Nein-Abstimmung durch das Volk, greifen jedoch in unterschiedlichen Phasen in den politischen Prozess ein.
Referendum (Veto) – Ein Referendum ist in der Regel eine Abstimmung über ein Gesetz oder eine Entscheidung, die bereits vom Parlament verabschiedet wurde. Es handelt sich im Wesentlichen um ein Veto des Volkes. Einige Referenden sind obligatorisch – beispielsweise müssen jede Änderung der nationalen Verfassung oder die Entscheidung über den Beitritt zu einer wichtigen internationalen Organisation automatisch einer Volksabstimmung unterzogen werden. Andere Gesetze unterliegen einem fakultativen Referendum, das nur dann ausgelöst wird, wenn genügend Bürger dies fordern. Die Hürde für die Auslösung eines fakultativen Referendums liegt bei 50.000 Unterschriften von wahlberechtigten Bürgern innerhalb von 100 Tagen nach Verabschiedung des Gesetzes. Ist die Unterschriftenkampagne erfolgreich, wird das Gesetz bis zur Durchführung einer landesweiten Abstimmung ausgesetzt. Eine einfache Mehrheit der Wähler kann das Gesetz kippen oder bestätigen. Dies gibt den Schweizer Bürgern eine starke Kontrollmöglichkeit über ihre Gesetzgeber. Etwa die Hälfte der fakultativen Referenden führt historisch gesehen dazu, dass das Volk die Entscheidung des Parlaments ablehnt.
Volksinitiative (Vorschlag) – Die Initiative ist das Spiegelbild des Referendums: Anstatt auf ein Gesetz zu reagieren, ergreifen die Bürger die Initiative, um eine Änderung vorzuschlagen. Dabei handelt es sich in der Regel um eine Verfassungsänderung. Um eine Initiative zu starten, müssen die Organisatoren innerhalb von 18 Monaten 100.000 Unterschriften von Schweizer Wählern sammeln. Ist dies erfolgreich, wird der Vorschlag einer landesweiten Abstimmung unterzogen. Initiativen können fast jedes Thema im Zuständigkeitsbereich des Bundes betreffen – vom bedingungslosen Grundeinkommen bis zu Tierrechten. Der Spielraum ist gross, und jede Bürgergruppe kann eine Initiative starten. Einige der bedeutendsten Veränderungen des Landes sind auf Initiativen zurückzuführen – beispielsweise die Anerkennung des Schweizer Nationalfeiertags als gesetzlicher Feiertag oder der Beitritt zur UNO.
Nicht jede Idee wird zum Gesetz, selbst wenn sie angenommen wird. Wichtige Veränderungen erfordern eine doppelte Mehrheit: Eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler im ganzen Land und eine Mehrheit der Schweizer Kantone müssen dem Vorschlag zustimmen. Wenn eine Initiative angenommen wird, beauftragt sie das Parlament mit der Umsetzung der Idee, was zu weiteren Debatten über die Ausführung der Politik führen kann. Da jedes neue Gesetz auch durch ein Referendum angefochten werden kann, hat dies eine mässigende Wirkung: Das Parlament muss die Umsetzung sorgfältig ausarbeiten, um ein weiteres öffentliches Veto zu vermeiden. Die direkte Demokratie in der Schweiz ist direkt, aber auch deliberativ und langsam.
Wer darf in der Schweiz wählen?
Voting rights in Switzerland are tightly linked to citizenship. At the federal level, only Swiss citizens aged 18 or over are entitled to vote or stand for election. This means that the roughly 25% of Switzerland’s residents who are foreign nationals have no vote on national issues or in national elections.
There are some exceptions at the local level. Switzerland’s 26 cantons determine their own rules for cantonal and municipal voting rights. Two cantons – Neuchâtel and Jura – allow non-citizens to vote in cantonal elections and referendums under certain residency conditions. At the municipal level, several cantons entitle foreign residents to vote in local elections and issues after they have resided in the area for a set number of years. In some of these communities, foreigners can even be elected to local office. Still, the majority of Switzerland’s foreign population remains politically voiceless, especially at the national level.
For Swiss citizens, voting is a right but not an obligation. Participation rates usually hover around 40–60% for most national ballots. Voter fatigue can occur, but the high frequency of votes normalises the act of voting. Before each vote, every household receives an official booklet explaining the proposals in detail, including arguments from both the “Yes” and “No” camps. This helps voters navigate complex issues.
Leben in der direkten Demokratie: Bürgerkultur und Partizipation
Die direkte Demokratie fördert ein bemerkenswertes Mass an Bürgerbeteiligung und politischem Bewusstsein. Normale Bürger werden zu wichtigen Akteuren im politischen Prozess. Damit ein Referendum oder eine Initiative zustande kommt, müssen sich Tausende engagieren – Petitionen unterzeichnen, Unterschriften sammeln und Wahlkampf betreiben. Die Schweizer Zivilgesellschaft ist sehr aktiv.
Da theoretisch jeder Bürger Gesetze auf den Weg bringen oder stoppen kann, herrscht ein Gefühl der kollektiven Verantwortung. Selbst diejenigen, die nicht wählen gehen, wissen, dass sie die Möglichkeit dazu hatten. Die Schweizer Politiker müssen ihrerseits mit einem offenen Ohr regieren. Da sie wissen, dass ihre Wähler jedes Gesetz anfechten können, streben die Gesetzgeber in der Regel einen breiten Konsens an. Der Schweizer Bundesrat ist ein aus mehreren Parteien bestehendes Exekutivorgan, in dem die Macht geteilt wird, und keine einzelne Partei verfügt jemals über eine absolute Mehrheit im Parlament. Kompromisse sind die Norm.
Referendums- und Initiativkampagnen folgen nicht immer den Parteilinien. Die öffentliche Debatte konzentriert sich oft eher auf bestimmte Themen als auf Parteipolitik. Die Notwendigkeit, eine Mehrheit der Wähler – und manchmal auch eine Mehrheit der Kantone – zu gewinnen, zwingt die Aktivisten dazu, über ihre Basis hinauszugehen. Die meisten Initiativen scheitern an der Urne, aber selbst gescheiterte Abstimmungen können Wirkung zeigen, indem sie das Bewusstsein schärfen oder eine nationale Debatte auslösen.
Es gibt jedoch auch Herausforderungen. Veränderungen können langsam voranschreiten – Frauen erhielten erst 1971 das Wahlrecht auf Bundesebene, unter anderem weil männliche Wähler dies in Referenden wiederholt abgelehnt hatten. Direkte Abstimmungen haben auch zu kontroversen Ergebnissen geführt, wie beispielsweise dem Verbot des Baus neuer Minarette. Komplexe Themen werden manchmal auf vereinfachte Entscheidungen reduziert, und die Finanzierung von Kampagnen bleibt undurchsichtig, da wenig Transparenz darüber herrscht, wer Referendumskampagnen finanziert.
Trotz dieser Bedenken bleibt die Schweiz politisch stabil. Regierungen stürzen nicht aufgrund von Referendumsresultaten, und der Bundesrat arbeitet unbeirrt weiter. Die Klarheit des Systems und die Häufigkeit der Abstimmungen tragen dazu bei, Krisen zu verhindern und ermöglichen politische Kurskorrekturen ohne Umbrüche.
Ausländer am Rande der Gesellschaft: Besteuerung, Teilhabe und Integration
Mit etwa einem Viertel ausländischer Einwohner hat die Schweiz einen der höchsten Anteile an Nichtstaatsangehörigen in einer westlichen Demokratie. Die meisten dieser Ausländer haben kein Mitspracherecht bei den Gesetzen, denen sie unterliegen. Sie zahlen Steuern, halten sich an die Schweizer Gesetze und leisten einen Beitrag zu ihren Gemeinden, haben jedoch keine direkte politische Stimme.
Diese Ausgrenzung kann die Integration behindern. Beim Wählen geht es nicht nur darum, mitbestimmen zu können, sondern auch darum, Zugehörigkeit zu signalisieren. Einige Langzeitbewohner beschreiben dies als Besteuerung ohne Vertretung. Die Einbürgerung in der Schweiz ist möglich, aber anspruchsvoll. In der Regel sind mindestens zehn Jahre Wohnsitz, Kenntnisse der Landessprache und Nachweise für die Integration erforderlich. In einigen Gemeinden muss sogar über die Einbürgerung abgestimmt werden.
Trotz dieser Hürden lassen sich viele Ausländer einbürgern und nehmen uneingeschränkt am politischen Prozess teil. Andere engagieren sich weiterhin informell – sie besuchen Bürgerversammlungen, treten Bürgerorganisationen bei oder verfolgen politische Debatten aufmerksam. Einige Gemeinden haben Beiräte für ausländische Einwohner. In einigen Kantonen können Ausländer an Kommunalwahlen teilnehmen. Dennoch bleibt für die meisten die Einbürgerung als Schweizer der Schlüssel zu politischen Rechten.
Es gibt anhaltende Debatten darüber, den Zugang zur Staatsbürgerschaft zu erleichtern oder Ausländern umfassendere Wahlrechte zu gewähren. Mit dem Wachstum der ausländischen Gemeinschaft wächst auch der Druck, das demokratische System inklusiver zu gestalten.
Schlussgedanken
Für Neulinge in der Schweiz kann die direkte Demokratie etwas gewöhnungsbedürftig sein. Sie verlangt von den Wählenden mehr, als nur alle paar Jahre zur Wahl zu gehen. Aber sie gibt auch mehr zurück: ein Gefühl der Mitbestimmung und der gemeinsamen Verantwortung.
Auch wenn Sie noch nicht wählen dürfen, lohnt es sich, die Kampagnen und Debatten zu verfolgen. Sie bieten einen Einblick in die Schweizer Werte und das bürgerliche Leben. Vielleicht unterschreiben Sie Petitionen, engagieren sich ehrenamtlich für bestimmte Anliegen oder beantragen sogar die Staatsbürgerschaft, um sich aktiv einzubringen.
Die direkte Demokratie ist nicht perfekt. Aber in der Schweiz funktioniert sie – nicht weil sie schnell oder einfach ist, sondern weil sie tief in der Kultur verwurzelt ist. Die Bürger akzeptieren sowohl die Macht als auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen. Und dieses Vertrauen in das Volk, das Woche für Woche, Abstimmung für Abstimmung auf die Probe gestellt wird, bleibt eine der entscheidenden Stärken des Landes.
Podcast-Folge
Weitere Informationen zu diesen Themen finden Sie in dieser Folge unseres Podcasts „Leben in der Schweiz“.
Direkte Demokratie in der Schweiz – wie funktioniert sie?
Wenn Sie weitere Themenvorschläge haben, senden Sie uns bitte eine E-Mail an contact@rigby.ch.
Quellen
Schweizer Regierung und Rechtsrahmen
Offizielles Portal der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Informationen zu Referenden und Initiativen)
Schweizer Parlament
Ausländer und Wahlrecht
Frauenwahlrecht in der Schweiz
Berichterstattung zum Referendum über das Minarettverbot
Überblick über die direkte Demokratie
Rechte von Schweizer Staatsangehörigen und Nichtstaatsangehörigen hinsichtlich der Stimmabgabe auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene
Allianz für Transparenz in der Schweizer Politik (Lobbyismus und Wahlkampffinanzierung)