Einen Bürojob in der Schweiz finden – aus acht Zeitzonen Entfernung
Wie ich herausfand, dass ein Schweizer Pass, fliessendes Englisch und fundierte Berufserfahrung nicht ausreichten, um einen Job in der Schweiz zu bekommen – und welche Strategien ich bei meiner Bewerbung vom anderen Ende der Welt gelernt habe.
– Ein Beitrag unseres Abonnenten Daniel Barrera Thümmler.
Die Jobsuche in der Schweiz aus dem Ausland heraus ist nicht einfach. Hier sind meine Erfahrungen und die Taktiken, die tatsächlich funktionieren.
Ich dachte, das Schwierigste an der Jobsuche in der Schweiz wäre die Tatsache, dass ich acht Zeitzonen entfernt war. Schliesslich hatte ich die erforderlichen Qualifikationen: Schweizer Pass, Englisch auf C2-Niveau, Deutsch auf B2-Niveau, 12 Jahre Erfahrung im Bereich Softwareprodukte und eine ganze Reihe von Abschlüssen und Zertifikaten. Aber die Realität sah anders aus. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist, wie ich gelernt habe, eine komplexe Mischung aus Präzision, persönlichen Beziehungen und sehr hohen Erwartungen – und sich von ausserhalb zurechtzufinden, ist eine Herausforderung für sich.
Besonderer Dank geht an Daniel Shalom, Geschäftsführer bei Rigby
Alles begann mit einer einzigen Zeile im Newsletter von Rigby:
„Wenn Sie eine Frage zum Leben in der Schweiz haben, antworten Sie auf diese E-Mail. Wir werden versuchen, sie in der Juni-Ausgabe zu beantworten.“
Ich antwortete und erwartete, dass meine Nachricht in der grossen digitalen Leere verschwinden würde. Stattdessen meldete sich Daniel Shalom persönlich, vereinbarte einen Telefontermin und gab mir eine seltene Mischung aus offiziellen Daten zum Schweizer Arbeitsmarkt und einer brutal ehrlichen Einschätzung meiner Chancen. Das Urteil? Es würde möglich sein – aber es würde viel mehr Zeit und Mühe erfordern, als ich mir vorgestellt hatte.
Daniel B. Thümmler
Der Kontext
Im Juni 2024 begann ich mit meiner Jobsuche. Ich dachte, mein grösster Nachteil sei, dass ich auf der anderen Seite des Planeten lebte – acht Zeitzonen entfernt. Schliesslich hatte ich einige starke Trümpfe in der Hand:
- Schweizer Pass
- Englisch auf C2-Niveau (professionell)
- Deutsch auf B2-Niveau (Konversation)
- 12 Jahre Erfahrung im Software-Produktmanagement
- Bachelor, Master und zwei berufliche Zertifikate
Es stellte sich heraus, dass die Zeitverschiebung mein geringstes Problem war.
Europa befand sich in einer Sackgasse. Der Krieg in der Ukraine, die US-Zölle und der Gaza-Konflikt hatten die Einstellung neuer Mitarbeiter verlangsamt. Der Schweizer Markt war mit Talenten überflutet – und vorsichtige Unternehmen hielten sich zurück. Um den Wettbewerb noch zu verschärfen, sorgten die grosszügigen Arbeitslosenunterstützungen in der Schweiz (70–80 % des versicherten Gehalts für bis zu 400–520 Arbeitstage) dafür, dass es einen stetigen Pool an qualifizierten lokalen Bewerbern gab, die sich ebenfalls auf die gleichen Stellen bewarben.
Ich habe alles gegeben: Ich habe mich auf Hunderte von Stellen in über 20 Jobbörsen beworben, Personalvermittler kontaktiert, Kaltakquise-E-Mails verschickt, für LinkedIn Premium bezahlt, mich Online-Communities angeschlossen und Branchenkontakte angeschrieben. Hier ist, was ich gelernt habe.
Wichtige Erkenntnisse und Tipps
1. AI bringt Sie nicht weiter – zumindest noch nicht
Erkenntnis: KI-gestützte Tools wie AI-apply können Ihren Lebenslauf für jede Stellenausschreibung individuell anpassen und sich automatisch auf Hunderte von Stellen bewerben. Verlockend, nicht wahr? Leider sind Schweizer Stellenanzeigen in mehreren Sprachen verfasst und haben einzigartige Formulare und Formate, die die meisten KI-Bots verwirren. Die Bewerbungsquoten sind niedrig und der Wettbewerb ist hart – auf manche Stellen bewerben sich innerhalb der ersten 24 Stunden über 100 Kandidaten.
Tipp: Gehen Sie nicht zu breit vor. Nutzen Sie KI, um vielversprechende Unternehmen und Stellen zu identifizieren ... und hören Sie dann auf. Wechseln Sie stattdessen zu einer Präzisionsstrategie.
2. Sprachkenntnisse sind wichtiger, als Sie denken
Erkenntnis: Ich dachte, mein Deutsch B2 und Englisch C2 wären ein grosser Vorteil. Dann wurde mir klar, dass in Schweizer Stellenanzeigen oft eine Muttersprache, eine weitere Sprache auf fliessendem Niveau und manchmal sogar eine dritte Sprache auf Grundniveau verlangt wird. Auf Jobs.ch kann man sogar nach Sprachen filtern.
Tipp: Bewerben Sie sich nur auf Stellen, bei denen Sie die angegebenen Sprachkenntnisse erfüllen. Und ja – besuchen Sie vor Ihrer Ankunft Sprachkurse vor Ort. Diese Investition zahlt sich aus.
3. Die Erwartung „Zero Gap”
Erkenntnis: Schweizer Arbeitgeber sind bekannt für ihre Präzision. Sie erwarten, dass die Kandidaten perfekt zur Stelle passen – ohne Lücken in Bezug auf Fähigkeiten, Erfahrung oder Eignung.
Tipp: Informieren Sie sich gründlich über das Unternehmen, lernen Sie seine Werte kennen und passen Sie Ihren Lebenslauf so an, dass er alle Anforderungen der Stellenanzeige erfüllt. Ihr Ziel: Lassen Sie keinen Zweifel daran, dass Sie die Lösung sind, nach der sie suchen.
4. Nutzen Sie persönliche Kontakte
Erkenntnis: Der geheime Einstellungsfilter der Schweiz? Interne Empfehlungen. Dadurch werden gefälschte oder wenig aussagekräftige Bewerbungen aussortiert und vertrauenswürdige Empfehlungen erhalten mehr Gewicht. Ohne einen internen Fürsprecher kann selbst ein makelloser Lebenslauf übersehen werden.
Tipp: Sobald Sie Zielunternehmen identifiziert haben, konzentrieren Sie sich darauf, echte Beziehungen zu Mitarbeitern aufzubauen. Nehmen Sie an Veranstaltungen teil, treten Sie Alumni-Netzwerken bei und leisten Sie einen sinnvollen Beitrag, bevor Sie sich bewerben.
5. Finden Sie die richtigen Communities
Erkenntnis: Die Schweizer Berufswelt ist dynamisch – aber die meisten Veranstaltungen finden persönlich statt. Für jemanden im Ausland ist das Networking daher schwierig. Viele LinkedIn-Kontakte haben nie geantwortet, und einige gaben zu, dass sie Expats mit wenigen lokalen Kontakten sind.
Tipp: Suchen Sie nach hybriden Veranstaltungen oder einladenden Gruppen wie ZurichJS und SmallPDF. Diese organisieren regelmässig Veranstaltungen, bei denen Sie lernen, sich engagieren und Netzwerke knüpfen können.
6. Headhunter und Personalvermittlungsagenturen sind nicht alle gleich
Erkenntnis: Schweizer Personalvermittler sind sehr wählerisch – ihr Ruf hängt davon ab, dass sie ihren Kunden nur perfekt passende Kandidaten vermitteln. Viele konzentrieren sich auf lokale Kandidaten, was es für jemanden aus dem Ausland schwieriger macht. Rigby war eine Ausnahme: international ausgerichtet, mit einem tiefen Verständnis für die Herausforderungen von Expats und der Bereitschaft, echte Marktzahlen zu teilen.
Tipp: Suchen Sie nach Personalvermittlungsagenturen mit Erfahrung in der Vermittlung internationaler Talente. Sie sind selten, aber von unschätzbarem Wert.
7. Nutzen Sie die Ressourcen von Rigby
Erkenntnis: Die Inhalte von Rigby sind nicht nur Füllmaterial. Ich empfehle Ihnen wärmstens, den Newsletter zu abonnieren. Die Leitfäden, Podcasts und Artikel gehören zu den prägnantesten und praktischsten, die ich gefunden habe.
Tipp: Meine Top-Auswahl: Umzug in die Schweiz, Arbeiten in der Schweiz, Mieten in der Schweiz, Steuern in der Schweiz und der Podcast „Staffing in Switzerland”.
Abschliessender Gedanke
Die Reise ist noch nicht zu Ende. Ich bewerbe mich weiterhin, knüpfe Kontakte und verfeinere meine Vorgehensweise. Mit Ausdauer – und der richtigen Strategie – bin ich zuversichtlich, dass ich meine Stelle in der Schweiz bekommen werde.
Und wenn es soweit ist, werde ich mit Teil Zwei zurückkommen: Wie es wirklich ist, in der Schweiz zu arbeiten (nachdem ich endlich den Job bekommen habe).